Kein
Mensch ist illegal! |
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Beschluss der 2. ordentlichen Landeskonferenz der JungdemokratInnen / Junge Linke Berlin vom 23.02.2002 |
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Illegalität in deutscher Produktion In Deutschland leben nach offiziellen Schätzungen
bis zu 1,5 Mio. “Illegale“, Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere also.
Die realen Zahlen dürften weit darüber liegen. Die Gründe für die
Illegalität sind vielfältig. Sie reichen von der Ablehnung als
Asylbewerber, die illegale Einreise aufgrund der Chancenlosigkeit, Asyl zu
bekommen, über abgelaufene und nicht verlängerte Papiere, bis hin zu
Ausweisungen aufgrund von Verstößen gegen das Ausländergesetz oder das
Asylverfahrensgesetz (z.B. gegen die Residenzpflicht). Viele Frauen und
auch Männer werden plötzlich illegal, weil sie nach einer Scheidung keinen
eigenen Aufenthaltstitel haben. Eine Vielzahl von Menschen lebt aber unter
dem Mantel der “Scheinlegalität“. Das Touristenvisum ermöglicht ihnen die
legale Einreise. Durch die Beschäftigung hier werden sie aber “Illegale“.
Für die klassischen PendlerInnen ist es zudem notwendig, regelmäßig neu
einzureisen, um ein neues Touristenvisum zu erhalten,
Diese hohe Anzahl von
Menschen, die völlig rechtlos in der Bundesrepublik Deutschland leben, ist
kein Zufall. Vielmehr ist sie die Folge der seit Jahren von Regierungen
unterschiedlicher Couleur betriebenen Migrationspolitik, die besser als
Illegalisierungspolitik zu beschreiben ist. So wurde mit der
Asylgesetzänderung 1993 die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl
beschlossen. Fluchtwege wurden systematisch kriminalisiert
(3-Staatenregelung), die Legitimität von Flucht selbst durch die
Definition “Sicherer Herkunftsstaaten“ weiter eingeschränkt. Hinzu kam die
Verschärfung der Repression gegen Menschen, die dennoch nach Deutschland
fliehen. Sie werden monatelang in Lagern an deutschen Flughäfen
interniert. Statt ihnen zu ihrem Recht auf Asyl zu verhelfen, soll gerade
das verhindert werden. Die Abschottungspolitik der
Europäischen Union tut ihr übriges. Die massive militärische Aufrüstung
der EU-Außengrenzen wie z.B. der deutschen Ostgrenze, eröffnet eine
regelrechte Jagd auf Flüchtlinge. Die EU-weit eingeführten
Datenabgleichsysteme sorgen für die Erfassung aller Flüchtlinge mit dem
Fluchtziel Europa und verhindern die Weiterflucht in ein anderes Land der
Europäischen Union. Auch das rot-grüne Einwanderungsgesetz setzt die
Politik der Illegalisierung von Flucht und Migration ungebrochen fort. In
dem vorgelegten Entwurf wird die Abschaffung der Duldung festgeschrieben.
Bisher Geduldete verlieren ihre Arbeitserlaubnis. Den Status der Duldung
erhielten bislang vor allem Bürgerkriegsflüchtlinge, die vorübergehend
nicht abgeschoben werden konnten, Menschen mit ungeklärter Herkunft und
Flüchtlinge, die Abschiebeschutz genießen. Nach Schätzungen von Pro Asyl
können nur etwa 6% der ca. 250 000 Flüchtlinge mit Duldungsstatus einen
ordentlichen Aufenthaltstitel erhalten. Die anderen 94 % werden
systematisch in die Illegalität gedrängt. Der Entzug der Arbeitserlaubnis
erhöht das Heer derer, die sich zwar legal in Deutschland aufhalten aber
“Illegal“ hier arbeiten. Sie werden zu “Halb-Legalen“. Durch die geplante
Ausweitung des Asylbewerberleistungsgesetz auf weitere Flüchtlingsgruppen
(z B. Kriegsflüchtlinge, Kranke und Behinderte, Flüchtlinge mit
Bleiberecht aufgrund Altfallregelung) wird die Situation der in
Deutschland lebenden Flüchtlinge weiter verschlechtert und dürfte
ebenfalls eine Ursache für das Abtauchen vieler in die Illegalität
sein.
überleben in der
Kontrollgesellschaft Die wesentliche Frage, ob
und wieweit die Situation Illegalisierter gezielt benutzt oder gar erst
geschaffen wird, um Arbeitsleistungen zu niedrigsten Löhnen abzupressen
‚lässt sich nicht eindeutig beantworten. Zunächst ist davon auszugehen,
dass einige Wirtschaftssektoren nur über entrechtete bis illegale Arbeit
aufrechtzuerhalten sind. Dazu zählen vor allem die Bauindustrie und
Landwirtschaftsbetriebe, Restaurants und Gebäudereinigung, aber auch das
Sexgewerbe und die Hausarbeit. Privatunternehmerische und staatliche
Interessen scheinen dabei in der öffentlichen Diskussion bisweilen im
Gegensatz zu stehen. Staatliche Behörden klagen über Steuerungsverluste,
sie begreifen illegale Beschäftigung als Schutz und Nährboden weiterer
illegale Zuwanderung‘, und nicht zuletzt besteht das Interesse, die
‘eigenen‘ Arbeitslosen und SozialhilfeempfängerInnen verstärkt in den
Niedriglohnsektor zu zwingen. Dennoch dient die Hetze gegen Illegale“,
“Schlepperbanden“ und “Schwarzarbeiter“ staatlichen Institutionen zur
Durchsetzung weiterer Gesetzesverschärfungen. Die Illegalisierung von
Flucht und Migration ist nur mit sicherheitspolitischen und
polizeistaatlichen Mitteln durchsetzbar und wirkt sich so auf die
Gesamtgesellschaft aus. In Deutschland wird das
überleben in der Illegalität durch die hohe Dichte an überwachungs- und
Kontrollmechanismen die der‘. umfassenden Zugriff des Staates auf die hier
Lebenden ermöglicht. zusätzlich erschwert. Angaben zum Wohnort und
Arbeitsplatz, die Kranken- und Sozialversicherungsnummern, der Bezug von
Sozialleistungen und selbst die Kfz-Zulassungen sind datentechnisch
erfasst und zusammengeschlossen. Hinzu kommen spezielle
“Ausländergesetze“, die wie die Residenzpflicht oder Chipkarten des
Asylbewerberleistungsgesetzes den Tagesablauf von Flüchtlingen und
MigrantInnen kontrollieren. Rassistische Gesichtskontrollen und die
umfassende Kameraüberwachung im öffentlichen Raum sowie neue technische
Möglichkeiten wie Gesichtsscannen etc, machen das heimliche überleben
schwierig. Menschen ohne Papiere sind ausbeutbar und erpressbar. Sie
arbeiten zu absoluten Dumpinglöhnen, sind nicht sozial- oder
krankenversichert, haben kaum Chancen ihren Lohn gegen den Arbeitgeber
einzuklagen. Zusätzlich leben sie täglich mit dem Risiko vom Chef oder von
Kollegen angezeigt zu werden oder in eine der regelmäßig stattfindenden
Polizeirazzien zu geraten. Die Suche nach einer Wohnung ist schwierig. Oft
müssen Illegalisierte für einen Schlafplatz in einer heruntergekommenen
Wohnung horrende Summen zahlen. Sie haben keinen Zugang zu medizinischer
Versorgung und Bildung. “Illegale“ unterstützen,
Legalisierung fordern! Sowohl die Migrations- und
Flüchtlingspolitik der BRD als auch die der Europäischen Union zielt auf
die weitere Illegalisierung von Flüchtlingen. Antirassistische Politik
muss diese Tendenz zur Kenntnis nehmen und in politische Forderungen
münden lassen. Eine Politik, die gegen die zunehmende Entrechtung von
Nicht-Deutschen und Nicht-EU-EuropäerInnen vorgehen will, muss in Zukunft
auf drei Ebenen agieren. Zum einen ist die Unterstützung bestehender
Netzwerke notwendig, die Illegalisierten das überleben ermöglichen. Zum
anderen muss die Selbstorganisation von Betroffenen durch uns unterstützt
und gestärkt werden. Ihrer Meinung Gehör zu verschaffen, können die
Flüchtlinge und MigrantInnen nur selbst. Sie dabei zu unterstützen, ist
unsere Aufgabe. Die dritte Ebene muss die Forderung nach Legalisierung und
vollen Rechten sein. Die Legalisierungsforderung darf dabei nicht als
einmaliger Gnadenakt verstanden werden. Sie muss auf die Thematisierung
der gesellschaftlichen Ausschließungsprinzipien zielen, spezielle
Strafgesetze für AusländerInnen angreifen, die breite Erfassung
verhindern, durch die die Gefahr der Abschiebung droht und das legale
Leben an einem Wohnort freier Wahl mit der Zusicherung aller Rechte zum
subjektiven Recht erheben. Nur so kann verhindert werden, dass
Legalisierung selbst zum Ausschluss führt und nur einer kleinen Gruppe
zugute kommt. Eine antirassistische Legalisierungskampagne zielt auf
permanente Legalisierung in möglichst kurzen
Abständen. JungdemokratInnen/Junge Linke fordern deshalb:
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Seite erstellt am: 24.01.99 | last modified: |
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