2: Misstraut gelegentlich euren Schulbüchern (Erich Kästner)

 

In Ehren sollen wir SchülerInnen sie halten und immer schön einschlagen in durchsichtige Klebefolie. Die Schulbücher, deren scheinbar objektiver und allwissender Charakter uns nie davon abhielt kleine Zeichnungen und Bemerkungen in Abbildungen, an Ränder und zwischen Absätze zu kritzeln, sollten wahrscheinlich wirklich mal mit kritischen Kommentaren versehen werden.
Kritisches Hinterfragen der Lehrinhalte ist aber meist nicht erwünscht. Alternative Theorien und Materialien tauchen kaum im Unterricht auf. Schulbücher umgibt eine Aura der absoluten Wahrheit und des grenzenlosen Wissens, die eher gepflegt als hinterfragt werden. Wer für die Klassenarbeit gut auswendig gelernt hat bekommt im Gegensatz zu Kritikern in der Regel eine bessere Note. Die meisten LehrerInnen wollen über den geheimen Lehrplan und den subtilen Charakter vieler Inhalte der schönen anschaulichen Heftchen nichts wissen. Dabei ist es wirklich kein Kunststück, die zahlreichen diskriminierenden Klischees in Unterrichtsmaterialien aufzuspüren. Besonders in den Bereichen Sexismus, Rassismus und Antisemitismus wird eine unterschwellige Botschaft der Lehrinhalte deutlich.

Sexismus: Rollenbilder und Ignoranz
Es ist höchst auffällig, dass zum Beispiel in vielen Schulbüchern ein klischeehaftes Familienbild konstruiert wird. Während Mrs. Green das Frühstück bereitet, sitzt Mr. Green mit seinem Kaffee in der Küche und liest Zeitung. Der Sohn Tom spielt Fußball und Sandra geht tanzen. Mrs. Green ist Hausfrau, Mr. Green geht arbeiten. Oder es ist oft so, dass Männern und Frauen spezifische Berufe zugeordnet werden wie: Er ist Ingenieur, sie ist Frisörin oder arbeitet bei der Touristeninformation usw.
Obwohl es viele große Werke weiblicher Autorinnen gibt, werden im Deutschunterricht und auch in Lesebüchern der Grundschule viel häufiger Texte von Männern behandelt. Auch in Physik-, Chemie- und Biologiebüchern tauchen Wissenschaftlerinnen (ja es gab und gibt sie) so gut wie gar nicht auf.
In Sexualkunde und den dafür gebräuchlichen Lehr- und Biologiebüchern wird Geschlechtsverkehr nur als zur Fortpflanzung notwendige Praxis dargestellt. Gleichgeschlechtliche Sexualität, wird so als unwichtig, unnatürlich oder nicht existent dargestellt. Schulbücher, in denen min. 50 % weibliche Wortformen verwendet werden, sind leider immer noch eine Utopie.

Rassismus: „Rassen“ in Klassen
Ein Blick ins Biologiebuch erklärt unter der überschrift „Menschenrassen“, dass es drei Hauptrassen gebe, die „Europiede Hauptrasse“, die „Mongoloide Hauptrasse“ und die „Ausstralonegrige Hauptrasse“. (Wissensspeicher Biologie, Verlag: Volk und Wissen)
Dass schon seit einiger Zeit feststeht, dass Rassenbergriffe auf Menschen nicht angewendet werden können, interessiert wohl keinen. Hier wird versucht, eine Einteilung vorzunehmen, die es einfach nicht gibt. Rassistische Stereotype werden bestärkt und das Vorurteil des Andersseins unterstützt. Weiter geht’s dann in Erdkunde und Politik. Unter dem reißerischen Begriff der „überbevölkerung“ wird dargestellt, dass es besser sei, wenn sich die Europäer vermehrten als wenn das in Afrika geschehe. In Deutschland wird, zwar nicht in Schulbüchern, sondern öffentlich weiter für die „Familie Deutschland“ geworben und mit Vergünstigungen gelockt, während europäische Entwicklungshelfer in den Staaten Afrikas und Teilen Asiens Sterilisationen vornehmen. Wer von überbevölkerung spricht impliziert damit automatisch, dass irgendwelche Menschen zuviel sind oder sogar beseitigt werden müssten. Dass hierbei keine Betrachtung aller Menschen, sondern eine wertende Unterscheidung in sog. „Menschenrassen“ unternommen wird, zeigt den eindeutig rassistischen Charakter dieser Inhalte.

Antisemitismus: Fühlt sich wohl an deutschen Schulen
SchülerInnen lesen im Geschichtsunterricht: „In zahlreichen deutschen Ländern vertrieben die Landesherren im Spätmittelalter die Juden, die größtenteils nach Polen auswanderten.“ ( Unsere Geschichte, Diesterweg)
Durch diese Darstellungen werden nicht nur geschichtliche Fakten vorenthalten, sondern sogar verfälscht. Wenn von Vertreibung und Auswanderung die Rede ist werden ganz offensichtlich die vielen Pogrome an Menschen jüdischen Glaubens im Mittelalter verharmlost.
An anderer Stelle im gleichen Lehrbuch heißt es: „Die Juden in den Städten führten ein Eigenleben, ihr Glaube trennte sie von den Christen. Andererseits standen sie seit den Karolingern unter dem besonderen Schutz der deutschen Könige. Da sie im Gegensatz zu den Christen für ausgeliehenes Geld Zins nehmen durften (nicht selten bis zu 50 Prozent), wurden viele reich, und das steigerte die Abneigung der Christen“.
Als Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland nahm Nathan Kalmanowicz, zu solchen Inhalten Stellung: „Juden sind reich, und sie sind Sonderlinge, das sind die alten antisemitischen Stereotype, die hier verbreitet werden“. Auch werden Figuren, wie Martin Luther, wenn sie im Unterricht behandelt werden, selten kritisch wegen ihres Antisemitismus hinterfragt. So weiß kaum einE SchülerIN, dass Luther die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung forderte: „Wenn ich könnte, so würde ich ihn niederstrecken und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren.“ „... dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke und was nicht brennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacken davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserm Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien...“.
Dies sind also nur wenige der vielen Beispiele für sexistische, rassistische und antisemitische Inhalte in unserem alltäglichen Unterrichtsmaterial. Also misstraut gelegentlich euren Schulbüchern, macht MitschülerInnen aufmerksam, bringt eigenes Material mit und wagt zu widersprechen!

Irene

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Seite erstellt am: 08.07.99 | last modified:


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