In Ehren sollen wir SchülerInnen sie
halten und immer schön einschlagen in durchsichtige Klebefolie. Die
Schulbücher, deren scheinbar objektiver und allwissender Charakter uns nie
davon abhielt kleine Zeichnungen und Bemerkungen in Abbildungen, an Ränder
und zwischen Absätze zu kritzeln, sollten wahrscheinlich wirklich mal mit
kritischen Kommentaren versehen werden.
Kritisches
Hinterfragen der Lehrinhalte ist aber meist nicht erwünscht. Alternative
Theorien und Materialien tauchen kaum im Unterricht auf. Schulbücher
umgibt eine Aura der absoluten Wahrheit und des grenzenlosen Wissens, die
eher gepflegt als hinterfragt werden. Wer für die Klassenarbeit gut
auswendig gelernt hat bekommt im Gegensatz zu Kritikern in der Regel eine
bessere Note. Die meisten LehrerInnen wollen über den geheimen Lehrplan
und den subtilen Charakter vieler Inhalte der schönen anschaulichen
Heftchen nichts wissen. Dabei ist es wirklich kein Kunststück, die
zahlreichen diskriminierenden Klischees in Unterrichtsmaterialien
aufzuspüren. Besonders in den Bereichen Sexismus, Rassismus und
Antisemitismus wird eine unterschwellige Botschaft der Lehrinhalte
deutlich.
Sexismus: Rollenbilder und Ignoranz
Es ist höchst
auffällig, dass zum Beispiel in vielen Schulbüchern ein klischeehaftes
Familienbild konstruiert wird. Während Mrs. Green das Frühstück bereitet,
sitzt Mr. Green mit seinem Kaffee in der Küche und liest Zeitung. Der Sohn
Tom spielt Fußball und Sandra geht tanzen. Mrs. Green ist Hausfrau, Mr.
Green geht arbeiten. Oder es ist oft so, dass Männern und Frauen
spezifische Berufe zugeordnet werden wie: Er ist Ingenieur, sie ist
Frisörin oder arbeitet bei der Touristeninformation usw.
Obwohl es
viele große Werke weiblicher Autorinnen gibt, werden im Deutschunterricht
und auch in Lesebüchern der Grundschule viel häufiger Texte von Männern
behandelt. Auch in Physik-, Chemie- und Biologiebüchern tauchen
Wissenschaftlerinnen (ja es gab und gibt sie) so gut wie gar nicht auf.
In Sexualkunde und den dafür gebräuchlichen Lehr- und Biologiebüchern
wird Geschlechtsverkehr nur als zur Fortpflanzung notwendige Praxis
dargestellt. Gleichgeschlechtliche Sexualität, wird so als unwichtig,
unnatürlich oder nicht existent dargestellt. Schulbücher, in denen min. 50
% weibliche Wortformen verwendet werden, sind leider immer noch eine
Utopie.
Rassismus: „Rassen“ in Klassen
Ein Blick ins
Biologiebuch erklärt unter der überschrift „Menschenrassen“, dass es drei
Hauptrassen gebe, die „Europiede Hauptrasse“, die „Mongoloide Hauptrasse“
und die „Ausstralonegrige Hauptrasse“. (Wissensspeicher Biologie, Verlag:
Volk und Wissen)
Dass schon seit einiger Zeit feststeht, dass
Rassenbergriffe auf Menschen nicht angewendet werden können, interessiert
wohl keinen. Hier wird versucht, eine Einteilung vorzunehmen, die es
einfach nicht gibt. Rassistische Stereotype werden bestärkt und das
Vorurteil des Andersseins unterstützt. Weiter geht’s dann in Erdkunde und
Politik. Unter dem reißerischen Begriff der „überbevölkerung“ wird
dargestellt, dass es besser sei, wenn sich die Europäer vermehrten als
wenn das in Afrika geschehe. In Deutschland wird, zwar nicht in
Schulbüchern, sondern öffentlich weiter für die „Familie Deutschland“
geworben und mit Vergünstigungen gelockt, während europäische
Entwicklungshelfer in den Staaten Afrikas und Teilen Asiens
Sterilisationen vornehmen. Wer von überbevölkerung spricht impliziert
damit automatisch, dass irgendwelche Menschen zuviel sind oder sogar
beseitigt werden müssten. Dass hierbei keine Betrachtung aller Menschen,
sondern eine wertende Unterscheidung in sog. „Menschenrassen“ unternommen
wird, zeigt den eindeutig rassistischen Charakter dieser Inhalte.
Antisemitismus: Fühlt sich wohl an deutschen Schulen
SchülerInnen lesen im Geschichtsunterricht: „In zahlreichen
deutschen Ländern vertrieben die Landesherren im Spätmittelalter die
Juden, die größtenteils nach Polen auswanderten.“ ( Unsere Geschichte,
Diesterweg)
Durch diese Darstellungen werden nicht nur geschichtliche
Fakten vorenthalten, sondern sogar verfälscht. Wenn von Vertreibung und
Auswanderung die Rede ist werden ganz offensichtlich die vielen Pogrome an
Menschen jüdischen Glaubens im Mittelalter verharmlost.
An anderer
Stelle im gleichen Lehrbuch heißt es: „Die Juden in den Städten führten
ein Eigenleben, ihr Glaube trennte sie von den Christen. Andererseits
standen sie seit den Karolingern unter dem besonderen Schutz der deutschen
Könige. Da sie im Gegensatz zu den Christen für ausgeliehenes Geld Zins
nehmen durften (nicht selten bis zu 50 Prozent), wurden viele reich, und
das steigerte die Abneigung der Christen“.
Als Mitglied des Präsidiums
des Zentralrats der Juden in Deutschland nahm Nathan Kalmanowicz, zu
solchen Inhalten Stellung: „Juden sind reich, und sie sind Sonderlinge,
das sind die alten antisemitischen Stereotype, die hier verbreitet
werden“. Auch werden Figuren, wie Martin Luther, wenn sie im Unterricht
behandelt werden, selten kritisch wegen ihres Antisemitismus hinterfragt.
So weiß kaum einE SchülerIN, dass Luther die Verfolgung der jüdischen
Bevölkerung forderte: „Wenn ich könnte, so würde ich ihn niederstrecken
und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren.“ „... dass man ihre
Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke und was nicht brennen will, mit
Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacken
davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserm Herrn und der
Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien...“.
Dies sind also nur wenige der vielen Beispiele für sexistische,
rassistische und antisemitische Inhalte in unserem alltäglichen
Unterrichtsmaterial. Also misstraut gelegentlich euren Schulbüchern, macht
MitschülerInnen aufmerksam, bringt eigenes Material mit und wagt zu
widersprechen!
Irene
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